Moderne Nuklearunfälle – das Risiko ist eher mentaler Natur

Moderne Nuklearunfälle – das Risiko ist eher mentaler Natur

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Moderne Nuklearunfälle – das Risiko ist eher mentaler Natur

Moderne Nuklearunfälle sind seltener physischer Natur. Vor allem die Psyche leidet, so ein aktueller Artikel in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“.

Und während weltweit die physischen Gefahren der Radioaktivität anerkannt sind, sind die mentalen Folgen doch noch weitaus größer als angenommen.

Mit Bezug auf das neueste Reaktorunglück in Fukushima, schreibt Dr. Koichi Tanigawa von der Medizinischen Fakultät der Universität Fukushima:

 Die Strahlendosis, der die Bevölkerung beim Reaktorunglück in Fukushima ausgesetzt war, war relative niedrig. Wir konnten bislang nur wenige Auswirkungen auf die physische Gesundheit feststellen noch erwarten wir weitere. Was sich allerdings sehr negative auf das Leben der Betroffenen auswirkte, waren die psychischen und sozialen Probleme, die sich beispielsweise aus der unterschiedlichen Risikowahrnehmung ergaben.

Aktuell sind 437 nuklear betriebene Elektrizitätswerke weltweit in Betrieb, doch Unfälle, wie etwa 2011 in Fukushima, sind selten.

Vier weitere schwere Unfälle, die auf einer Skala mit einer Fünf oder höher bewertet wurden, wurden seither verzeichnet: Kyshtym in Russland im Jahr 1957, Windskale Piles in Großbritannien im gleichen Jahr, 1979 ein Unfall in Three Mile Island in den USA und Chernobyl in Russland im Jahr 1986.  

Im Jahr 2006 berichtete das Chernobyl Forum der Vereinten Nationen (UN), dass die mentalen Schäden in der Gesellschaft mit am schwerwiegendsten waren. Schlechte Kommunikation zu den Gesundheitsrisiken verschlimmerte die Probleme noch. Die Zahlen derjenigen, die in der Folge Depressionen entwickelten oder am Posttraumatischen Stress-Syndrom leiten, schlagen noch heute in der Statistik zu Buche.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Fukushima. Die Gesundheitsüberwachung der Stadt berichtet dass die Zahl der Erwachsenen mit Stress-Symptomen bei umgesiedelten Personen um etwa fünf Mal höher liegt als bei der übrigen Bevölkerung, nämlich bei etwa 14,6% im Vergleich zu 3%.

Wiederholte Umsiedelung und Entwurzelung bedeuten ernsthafte Gesundheitsprobleme für die verwundbarsten Mitglieder der Gesellschaft. Besonders bei älteren Menschen verdreifachte sich die Sterberate in den drei Monaten nach der Umsiedelung.

In einem weiteren Artikel zum Thema diskutieren Wissenschaftler der medizinischen Fakultät der Universität Fukushima Möglichkeiten, die Millionen Bewohner der betroffenen Region besser vor den Folgen eines erneuten Unfalls zu schützen.

Bessere Information für Eltern, die ein erhöhtes Krebsrisiko für ihre Kinder befürchten, könnte ein Schritt zu einem verbesserten Schutz der Bevölkerung sein. Ebenso sollten Evakuierte mehr Hilfe erhalten, um sich an neuen Wohnorten einzuleben.

Fukushima lehrte die Betroffenen einige wichtige Lektionen, so die Autoren der Studie. Verlässliche Kommunikation der Lage und der Risiken sind ein wichtiger Teil der Arbeit für die Opfer eines nuklearen Unfalles. Tatsächlich sind nur sehr wenige Menschen in einer solchen Situation in Lebensgefahr. Information über die Gesundheitsrisiken ist dann eine der Hautaufgaben der Ärzte. Auch die Umsiedlung vieler gefährdeter Menschen in Heimen und Krankenhäusern muss gründlich geplant und auch medizinisch vorbereitet werden.

Die langfristigen Auswirkungen nach einem radioaktiven Angriff wie in Hiroshima und Nagasaki oder nach einem Unfall wie in Chernobyl sind Gegenstand eines Berichtes, der an der Universität von Hiroshima erstellt wurde. Die Sterberate war stark erhöht, wie eine Langzeitstudie an 94.000 Überlebenden der Atombombenabwürfe fünf Jahre nach dem Ereignis, also ab 1950, bis heute bewiesen.

Krebserkrankungen waren mit einer hohen Strahlendosis verbunden – und umso signifikanter, je jünger die Betroffenen waren, die dieser Dosis ausgesetzt waren.

Nach Chernobyl waren vor allem Kinder einem erhöhten Risiko von Schilddrüsenkrebs ausgesetzt – vor allem Kinder, die Nahrung und Wasser aus den verstrahlten Gebieten zu sich genommen hatten. Erbliche Schäden konnten bislang nicht festgestellt werden.

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